Montag, 11. November 2019

Eckart von Hirschhausen und Aktivistin Luisa Neubauer



Eckart von Hirschhausen und Aktivistin Luisa Neubauer bei der "Fridays for Future"-Demonstration in Berlin.

Tages-Spiegel vom 21.3.2019

Herr Hirschhausen, Sie sind nicht nur erfolgreicher Comedian und Moderator, sondern auch Arzt. Welche Diagnose geben Sie der Erde?
Die Erde hat Fieber und das Fieber steigt. Sie geh├Ârt auf die Intensivstation. Sie hat „Multiorganversagen“, wenn man die Symptome zusammenz├Ąhlt, und das ist ein echter Notfall. Die Lunge im Amazonas wird abgeholzt, der Jetstream-Kreislauf bricht zusammen, die Meere sind verstopft mit Plastik und k├Ânnen bald keine W├Ąrme mehr aufnehmen. Die Erde hat eine schwere Infektion mit Homo sapiens und anderen Rindviechern.
Tagesspiegel Background Energie & Klima

Kohleausstieg, Klimawandel, Sektorkopplung: Das Briefing f├╝r den Energie- und Klimasektor. F├╝r Entscheider & Experten aus Wirtschaft, Politik, Verb├Ąnden, Wissenschaft und NGO.

Welche Behandlung schlagen Sie vor?
M├╝ll sortieren wird nicht reichen. Die Behandlung muss an mehreren Bereichen ansetzen, wie Energieerzeugung, Mobilit├Ąt und Ern├Ąhrung. 100 Prozent erneuerbare Energie ist in Deutschland technisch m├Âglich, ├Âkonomisch sinnvoll und erst recht ├Âkologisch geboten. Es gibt die L├Âsungen l├Ąngst, es fehlt der politische Wille, sie umzusetzen. Und aus Angst um die 20.000 Arbeitspl├Ątze in der veralteten und desastr├Âsen Kohle wird ein Eiertanz aufgef├╝hrt, statt dass wir ├╝ber die Zukunftschancen sprechen, die wir gerade verspielen.
Wie k├Ânnte man Klimaschutz sexy machen? Nicht nur f├╝r Politiker, sondern f├╝r jeden Menschen?
Wenn die Menschen wissen, was sie tun, und was sie anrichten, verhalten sie sich anders. Weniger Fleisch zu essen ist sinnvoll, weil wir die Erde zugrunde richten mit Ackerfl├Ąchen, die f├╝r Futtermittel gerodet werden, und und und – alles bekannt, aber wir erleben das nirgends. Es bleibt so herrlich abstrakt, dass f├╝r eine Kalorie aus Fleisch, 20 Kalorien erstmal verf├╝ttert werden m├╝ssen und die l├Âsen sich ja nicht in Luft auf, sondern in Klimagasen – als R├╝lpse, Pupse und F├Ąkalien – um mal deutlich zu werden. Wie w├Ąre es, wenn man ein Kilo Fleisch im Supermarkt kauft und an der Kasse dazu dann automatisch einen 20 Liter Eimer G├╝lle mit ausgeh├Ąndigt bekommt. „So, Herr von Hirschhausen, das gibt es ab heute nur noch im Doppelpack, das haben sie mit eingekauft, brauchen Sie einen Deckel oder geht das so mit? Viel Spa├č beim Grillen!“
... oder einem vergeht sowieso schon die Lust auf Fleisch. Was sind sonst konkrete Dinge, die jeder sofort umsetzen kann?
Man k├Ânnte sich einen Pulli anziehen statt die Heizung aufzudrehen, m├Âglichst viel mit dem Fahrrad fahren und die eigene Ern├Ąhrung umstellen. Au├čerdem sollten wir aufh├Âren, ein Drittel der Lebensmittelproduktion wegzuwerfen. Weltweit sind rund zwei Milliarden Menschen ├╝bergewichtig und eine Milliarde mangelern├Ąhrt. Das ist doch absurd. Die einen hungern, die anderen sind auf Di├Ąt, und beiden Gruppen k├Ânnte es gesundheitlich viel besser gehen. Die Idee einer „Planetary health Diet“ verbindet das, was dem K├Ârper guttut, mit dem, was dem Planeten gut tut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Gem├╝se. Das kann man den Menschen nicht ,vorschreiben‘, aber ,verschreiben‘. Denn es kann Millionen Herzinfarkte und Schlaganf├Ąlle, praktisch alle gro├čen Zivilisationskrankheiten, verhindern, wenn wir uns mehr bewegen und weniger ├ťbergewicht anh├Ąufen. Wir m├╝ssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir f├╝r den Klimaschutz handeln. Wir brauchen den positiven Spirit. Es gibt keinen Plan B, weil es keine Erde B gibt. Aber bei den Ver├Ąnderungen geht es langfristig um einen Zugewinn an Lebensqualit├Ąt.
Was w├╝rden passieren, wenn wir heute nicht handeln?
Wir zerst├Âren massiv unsere Umwelt, und machen damit immer weiter; es wird fraglich, ob nachfolgende Generationen auf unserer Erde noch leben k├Ânnen. Es wird Kriege geben, um Wasser und um andere Ressourcen. Wir m├╝ssen umdenken, und zwar kollektiv. „Nach mir die Sintflut“ ist die falsche Einstellung. Dass die Hitze schlimmer wird, hat schon jetzt konkrete Folgen, weltweit, aber auch hier. ├ältere Leute sterben, weil sie den Kreislaufbelastungen nicht standhalten k├Ânnen. Dann werden sich zahlreiche tropische Infektionskrankheiten ausbreiten und zur├╝ck nach Deutschland kommen: Malaria, Dengue-Fieber oder Gelbfieber zum Beispiel. Die asiatische Tigerm├╝cke siedelt sich gerade in Heidelberg und Freiburg an. Da die Winter milder und k├╝rzer werden, werden auch Allergien extremer. Alles nicht lustig.
Sie sind in so vielen Stiftungen und Projekten engagiert. Ist da ├╝berhaupt Zeit f├╝r den Klimaschutz? Wo liegt Ihre Priorit├Ąt?
Der Zusammenhang von Klimakrise und Gesundheit hat meine pers├Ânliche Priorit├Ąt. Ich habe erst vor gut einem Jahr realisiert, welche Dimension das eigentlich hat. Dabei steht das schon seit vielen Jahren in internationalen, f├╝hrenden medizinischen Fachzeitschriften wie dem „Lancet Climate Count Down“ oder „Nature Climate change“.
Was haben Sie denn vor einem Jahr genau erlebt?
Ich habe Jane Goodall f├╝r ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis getroffen, und diese Dame von ├╝ber 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein f├╝r Menschenaffen. Sie stellte mir eine zentrale Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerst├Ârt er dann sein eigenes Zuhause?
Und was haben Sie geantwortet?
Ich habe erst dreimal schlucken m├╝ssen, weil es ja tats├Ąchlich so absurd ist, dass wir die einzige Art sind, die in die Zukunft schauen k├Ânnen und alles daran setzen, da nicht hinzugucken! Stattdessen kaufen wir uns Zeug, was wir nicht brauchen, von Geld und Ressourcen der k├╝nftigen Generationen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht m├Âgen.
Sie sind in Deutschland f├╝r Ihren Humor bekannt. Kann man diese ernste Situation noch mit Humor nehmen?
Ja, kann man. Ich habe letztens einen Facebook-Post gemacht, dass ich lieber die Abgase von Fahrradfahrern als von Autofahrern einatme. Das merkt man sich, und das kommt an. Nicht bei allen, aber das ist mir auch klar, dass es Abwehr-Reflexe gibt.
Abgesehen von humorvollen Facebook- Posts unterst├╝tzen Sie den Klimaschutz auch mit der Vereinigung Scientists for Future. Vergangene Woche haben Sie im Namen von 23 000 Wissenschaftlern in Berlin die „Fridays for Future“-Demonstration begleitet. Was sagen Sie zu der Kritik, dass die Sch├╝ler doch in die Schule gehen und stattdessen am Samstag streiken sollten?
Ich finde es Quatsch, den Sch├╝lern zu unterstellen, dass sie alle schw├Ąnzen wollen. Die, die ich erlebt habe, denen geht es wirklich um was. Piloten streiken ja auch nicht in ihrer Freizeit.
Waren Sie selbst in dem Alter schon auf Streiks oder anders politisch aktiv?
Ja. Ich war in dem Alter sehr friedensbewegt, in der Kirchengemeinde aktiv und habe auch in Wackersdorf am Zaun gestanden und nach Tschernobyl f├╝r den Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert. Hat ja auch geklappt – mit etwas Geduld.
Wird es Scientists for Future auch nach der Unterschriftenaktion geben?
Wir sind ├╝berw├Ąltigt von dem Zulauf und der Unterst├╝tzung. Der n├Ąchste Schritt werden Regionalgruppen sein. Da werden wir dranbleiben. Es gibt auch schon die Gruppe Allianz Klimawandel und Gesundheit, mit der ich im engen Austausch bin. Und die Charit├ę und das Potsdamer Institut f├╝r Klimafolgenforschung richten gerade eine Professur f├╝r das Thema ein. Es passiert endlich etwas!
Wie setzen Sie sich pers├Ânlich f├╝r Klimaschutz ein? Haben Sie schon auf ├ľkostrom umgestellt?
Ja klar, schon vor mehr als zehn Jahren.
Fliegen Sie noch?
Ich bin Bahnfahrer. Aber gelegentlich fliege ich noch. Privat fahre ich auch einen VW-Diesel. Kein Mensch muss perfekt sein, um seine Stimme erheben zu d├╝rfen.
Zahlen Sie dann zumindest f├╝r jeden Flug einen CO2-Ausgleich?
Nat├╝rlich. Ich bin auch Botschafter von Atmosfair. Ich f├Ąnde es wichtig, dass man bei Suchmaschinen, wenn man einen billigen Urlaubsflug sucht, neben der Kostenaufstellung noch eine CO2-Angabe bekommt. Wenn ich sehe, dass ein Flug bei gleichem Preis eine h├Âhere Bilanz hat, w├Ąre es ein gutes Kriterium, den zu nehmen, der weniger schadet. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen sich beim Lebensmittelkauf anders entscheiden, wenn sie wissen, wie viel Kohlendioxid dort drinsteckt. Wenn ich eine Fleischsuppe statt einer Gem├╝sesuppe kaufen will, die aber eine zehn Mal schlechtere CO2-Bilanz hat, ├╝berlege ich mir nochmal, ob sie wirklich zehnmal so gut schmeckt.